„Web oder weg“

Herr Staudt, Sie haben zu einer Zeit eine Initiative zur ­Gestaltung des digitalen Wandels ins Leben gerufen, als die digitale Gesellschaft kaum abzusehen und noch ferne Zukunft war. Was hatte Sie vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten zu diesem Schritt bewogen?

Erwin Staudt: Ich war seinerzeit schon einige Jahre Geschäftsführer bei IBM Deutschland und konnte durch diese Position absehen, in welche Richtung sich das Internet und die Computertechnologie entwickeln werden. Es war schon damals relativ klar, dass diese Technologie eine enorme Dynamik entwickeln und in vielen Lebensbereichen Einzug halten wird. Um diesen Prozess zu begleiten, eine mögliche Spaltung der Gesellschaft zu verhindern und die Herausforderungen rechtzeitig zu erkennen, die den digitalen Wandel begleiten, haben wir unter ­meiner Federführung die Initiative D21 gegründet.

Wen meinen Sie, wenn Sie von „wir“ sprechen?

Erwin Staudt: Es war seinerzeit ein illustrer Kreis, der sich in diesem Netzwerk engagiert hat. Neben den Spitzenpolitikern Erwin Teufel und Sigmar Gabriel hatten wir immerhin einen Beiratsvorsitzenden namens Gerhard Schröder, der seinerzeit bekanntlich Bundeskanzler war. Zum Kreis der engagierten ­Unterstützer, die sich unserem Aktionsbündnis angeschlossen haben, gehörten zudem Topmanager wie Bernhard Walter von der Dresdner Bank, Daimler-Vorstand Klaus Mangold, aok-Chef Roland Sing, Hewlett-Packard-Chef Menno Harms oder Lothar Späth, der damals in maßgeblicher Funktion bei Jenoptik war.

Erklärtes Ziel der Initiative war, einen Zukunftsplan für „den Aufbau der Informationsgesellschaft in Deutschland“ zu entwerfen. Womit haben Sie damals begonnen?

Erwin Staudt: Unsere erste größere Aktion war, zunächst die Schulen im Land mit Hightech ausrüsten. Dazu haben wir ­Firmen gesucht, die eine Patenschaft für eine Schule übernehmen und sämtliche Klassenzimmer mit internetfähigen Computern ausstatten. Damals hatte es gerade in diesem Bereich erheb­lichen Nachholbedarf in Deutschland gegeben.

Der Leonberger Manager Erwin Staudt beschäftigt sich schon seit Mitte der 90er Jahre mit dem Thema Digitalisierung. Als Geschäftsführer von IBM Deutschland hat er einst die Initiative D21 gegründet, die heute als größtes Netzwerk für die digitale Gesellschaft Debatten anstößt und den digitalen Wandel begleitet. Den Standort Baden-Württemberg und die Region Stuttgart sieht der Vordenker gut aufgestellt. Woran es seiner Ansicht nach fehlt, sind IT-Fachkräfte. „Wir bilden zu wenig Spezialisten aus, die in unseren Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben“, betont Staudt.

Im Gegensatz zu heute?

Erwin Staudt: Grundsätzlich hat sich die Digitalisierung in Deutschland in vielen Bereichen sehr gut entwickelt. Die Bundes­regierung unter Gerhard Schröder hatte seinerzeit Studien in Auftrag gegeben, die dem Land attestiert hatten, dass es bei dem Ausbau der Internet-Technologie im Vergleich zu anderen Ländern weit hinterherhängt. Diesen Rückstand haben wir zwischenzeitlich längst aufgeholt, was insbesondere für das Land Baden-Württemberg und seine innovationsstarken Standorte und Ballungsräume gilt. Was die Schulen und Bildungseinrichtungen betrifft, sehe ich aber immer noch einigen Nachholbedarf. In diesem Bereich muss dringend investiert werden, in Geräte, Software und speziell geschulte Pädagogen gleichermaßen. Die Politik hat das aber zwischenzeitlich erkannt und die Digitalisierung des Bildungssektors zu einem zentralen Handlungsfeld erklärt. Wenn es nicht gelingt, flächendeckend eine technische Grundinfrastruktur zur Verfügung zu stellen, könnte mittelfristig sogar die Zukunft des Landes als prosperierender Wirtschaftsraum in Gefahr sein. Insofern gilt unser damaliges Motto noch heute: „Web oder weg.“

Inwiefern?

Erwin Staudt: Wir brauchen dringend gut geschulte Spezialisten, also IT-Fachkräfte wie Entwickler oder Systemprogrammierer, die in den vielen Unternehmen im Land die digitalen Innovationen vorantreiben und beispielsweise neue Geschäftsmodelle umsetzen. Die Realität ist, dass es in Deutschland nicht genügend solcher Fachkräfte gibt und derzeit auch zu wenige ausgebildet werden. Von diesem Fachkräftemangel sind anders als früher neben kleinen und mittleren zwischenzeitlich auch die großen Unternehmen betroffen. Sollte das so bleiben, ­könnte das dazu führen, dass IT-Dienstleistungen nach und nach in Standorte im Ausland verlagert oder ganz aus dem Unter­nehmen herausgelöst werden. Das wäre ganz sicher nicht zum Vorteil des Standorts Deutschland.

Oder es werden umgekehrt Spezialisten aus dem Ausland geholt, wovon das Land wiederum profitieren könnte.

Erwin Staudt: Genau das wurde seinerzeit mit der so genannten Greencard praktiziert, einer Art Sofortprogramm zur Deckung des damals akuten IT-Fachkräfte-Bedarfs, das im August 2000 von der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder gestartet wurde. Auf diesem Weg konnten in kurzer Zeit knapp 13.000 ausgebildete Experten aus dem Bereich Informationstechnik überwiegend aus Asien und Osteuropa ins Land geholt werden, was die Branche enorm beflügelt und für einen Aufschwung in der Wirtschaft gesorgt hat. Das war damals sehr wichtig, heute sollten wir die Digitalisierung aber vornehmlich mit eigenen Kräften vorantreiben und daher insbesondere in die Bildung ­investieren.

Engagieren Sie sich selber noch aktiv in diesem Bereich?

Erwin Staudt: Ich bin nach wie vor Ehrenvorsitzender der Ini­tiative D21 und sitze zudem bei Softwareunternehmen im ­Aufsichtsrat. Insofern halte ich nach wie vor Kontakt zum Thema Digitalisierung, wenngleich nicht mehr so intensiv wie früher. Die Möglichkeiten, die damit verbunden sind, faszinieren mich aber nach wie vor. Vielfach wird ja befürchtet, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze kosten wird, beispielsweise in der Automobil-
industrie. Ich bin aber vom Gegenteil überzeugt. IT wird eine enorme Zahl an neuen Arbeitsplätzen und damit Wohlstand schaffen.

„Deutschland muss IT-Weltmacht werden – und das pronto!“ Das haben Sie 2002 als Autor anlässlich einer Buchvorstellung gefordert. Wie gut sind Baden-Württemberg und die Region Stuttgart heute aufgestellt?

Das Land hat sich im Grundsatz schon in die Richtung ent­wickelt, wie wir das 2002 prognostiziert haben. Lothar Späth und ich hatten seinerzeit gefordert, dass zunächst einmal die Bildung an das IT-Zeitalter herangeführt werden muss und dass die Menschen bereit sein müssen, Innovationen wie zum ­Beispiel das Internet der Dinge in ihr alltägliches Leben zu lassen. Vieles davon ist passiert, daher bin ich sehr glücklich mit der Entwicklung in Baden-Württemberg und in der Region Stuttgart, die im Vergleich zu anderen Regionen mit ihren großen Konzernen, Weltmarktführern, Mittelständlern und hoch innovativen ­kleinen Betrieben sehr gut dasteht.

Bundesländer und Regionen stehen mehr denn je auch in einem wirtschaftlichen Wettbewerb, wenn es um hoch qualifizierte Arbeitsplätze und gut ausgebildete Fachkräfte geht. Können Sie drei Gründe nennen, warum es sich lohnt, im Ländle zu leben und zu arbeiten?

Ich könnte eine ganze Vielzahl an guten Gründen nennen. Baden-Württemberg ist eine der stärksten Wirtschaftsregionen der Welt, wofür es zahlreiche Indikatoren gibt. In kaum einer anderen Region ist die Dichte an bedeutenden Firmen so hoch wie hier. In kaum einer anderen Region werden jährlich so viele Patente angemeldet. Baden-Württemberg garantiert Spitzenjobs bei Spitzenunternehmen, von denen viele Weltmarktführer sind. Die Einkommen sind entsprechend hoch, die Arbeitslosenzahlen dagegen niedrig. Und das sind nur die ökonomischen Vorzüge. Für Baden-Württemberg sprechen natürlich auch die kulturellen Angebote und die vielen Freizeitmöglichkeiten, zum Beispiel der Schwarzwald, der Bodensee, die Schwäbische Alb und die vielen sehenswerten Städte.

Sie sind in Leonberg geboren und leben auch heute noch dort. Was bedeutet das Schwabenland für Sie?

Das ist meine Heimat, zu der ich mich immer bekannt habe und bekenne, wo immer ich war oder bin: egal ob in Paris, New York oder Berlin. Hier in Baden-Württemberg habe ich meine Erdung. Ich bin sehr stolz darauf, mit den Menschen dieser Region und in diesem Bundesland leben zu dürfen.

Das Interview führte Markus Heffner

INFO

Initiative D21

Die Initiative D21 e. V. ist bundesweit die größte Partnerschaft von Politik und Wirtschaft zur Ausgestaltung der Informationsgesellschaft. Der Verein mit Sitz in Berlin wurde 1998 unter Federführung des damaligen IBM-Deutschland-Chefs Erwin Staudt mit Unterstützung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder gegründet. Heute umfasst die Initiative ein branchenübergreifendes Netzwerk von 200 Mitgliedsunternehmen und -institutionen sowie politischen Partnern aus Bund, Ländern und Kommunen. Unter anderem publiziert die Initiative jedes Jahr den D21-Digital-Index, der die Entwicklung des Digitalisierungsgrads der deutschen Bevölkerung untersucht, also ihren Zugang, ihre Kompetenz, ihre Offenheit sowie ihre Nutzungsvielfalt bezogen auf digitale Medien und das Internet. Die Studie gilt mit rund 33.000 Befragten als umfangreichste und aussagekräftigste Untersuchung zum Internetnutzungsverhalten der Deutschen. Der Index ermöglicht es unter anderem, die Auswirkungen von Innovationen und Ereignissen für Wirtschaft und Gesellschaft detailliert, nachhaltig und im Zeitverlauf aufzuzeigen. Zudem erscheinen regelmäßig zahlreiche Sonderstudien.